• Jan 05

    Hunde auf der Arbeit

    Der neue Kollege riecht ein wenig streng. Er geht nicht ans Telefon und beantwortet keine Mails. Anweisungen befolgt er zwar, aber meist erst nach gutem Zureden. Arbeiten? Ist nicht so sein Ding. Manche finden ihn ganz süß, doch viele sind genervt: Was will er hier, was soll er hier?   Die Stimmung aufhellen, sagen einige. „Kollege Hund“ verbessere das Betriebsklima. Angestellte sollten ihre Haustiere deshalb mit auf die Arbeit nehmen dürfen. Das fordert etwa der wichtigste Lobbyist auf diesem Themenfeld – der Bundesverband Bürohund (BVBH). „Man muss endlich verstehen, dass ein Hund eine wirkungsvolle Maßnahme ist, um psychischer Überlastung am Arbeitsplatz entgegenzuwirken“, sagt Markus Beyer, der Vorsitzende. Der Bürohund reduziere den Stress.   Zumindest bei denen, die ihn mitbringen. Andere stört es offenbar, wenn der Neue im Team riecht, Haare verteilt und erst nach dem dritten „Aus!“ zu kläffen aufhört. Viele Angestellte in Deutschland lehnen einer Umfrage des Internetportals Xing zufolge Haustiere am Arbeitsplatz ab. Rund ein Drittel fordert, die Tiere dabei haben zu dürfen – eine Minderheit, doch sie scheint sich durchzusetzen.   Einige Betriebe dulden Hunde bereits, einige erheben sie gar zu einem Teil ihrer Unternehmensphilosophie. Mitarbeiter stellen Körbchen unter ihre Schreibtische und gehen in der Pause Gassi. Es bellt und wedelt und schnüffelt auf den Fluren: In Deutschlands Büros scheint ein Hundewahn zu herrschen.   Den meisten Chefs gefällt das gar nicht. Etwa drei Viertel der Arbeitgeber möchten der Xing-Studie zufolge, dass die Mitarbeiter ihre Tiere zu Hause lassen. Der Bundestag zählt etwa dazu. Gerade forderte der Tierschutzbund, Abgeordnete sollten ihre Hunde mitnehmen dürfen. Parlamentspräsident Norbert Lammert (CDU) lehnt das ab. Und der tierschutzpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Norbert Stier, bezeichnete den Aufruf als einen „verspäteten Aprilscherz“. Der Bundestag sei „kein Streichelzoo“.   Abmahnung und fristlose Kündigung Auch wenn viele es so machen oder gerne machen würden – einfach so darf niemand einen Hund mit ins Büro bringen. „Nur der Arbeitgeber darf kraft Weisungs- und Hausrecht entscheiden, ob er Hunde erlaubt“, sagt Christoph Abeln, Fachanwalt für Arbeitsrecht in Berlin. Dabei müsse das Unternehmen die Interessen der Angestellten abwägen – vor allem, ob sich jemand gestört fühlt oder der Hund gegen Hygiene-Vorschriften verstößt. „In der Regel wird er Hunde daher eher nicht erlauben“, sagt Abeln. „Verstößt der Arbeitnehmer gegen das Verbot, droht nach einer Abmahnung die fristlose Kündigung.“   In der Media-Agentur BFB in Berlin-Wilmersdorf lässt man sich auf Hunde ein. Am Empfang des Verlagshauses scheint noch alles normal. Der Bau ist schlicht-modern, die Damen am Empfang sind höflich, irgendwo klingelt ein Telefon. Tagesgeschäft. Doch plötzlich huscht etwas über den Flur.   Ares saust vorüber, mit wedelndem Schwanz. Die Frauen freuen sich, ihn zu sehen. Ares ist ein Schäferhund-Mischling, zehn Monate alt, aber schon stattlich groß. Für viele Angestellte ist er nicht mehr aus dem Büroalltag wegzudenken.   „Für uns gehören die Hunde zur Unternehmensphilosophie dazu“, sagt Ares’ Halterin Charlotte Behm, Projektmanagerin im Marketing. „Durch sie gibt es hier ein Gefühl der Zusammengehörigkeit.“ Dass die Philosophie ernst genommen wird, beweist ein Rundgang durch das Haus. Auf insgesamt fünf Hunde trifft man hier. Ab und zu sind noch ein paar mehr da – in Teilzeit sozusagen.   „In einem Unternehmen, wo man seinen Hund nicht mitbringen darf, würde ich nicht arbeiten“, sagt Behm. Das Thema sei für viele Firmen im heutigen Wettbewerb um Fachkräfte nicht zu unterschätzen. Für manche Bewerber sei es ein wichtiges Kriterium, ob das Tier mitdarf oder nicht.   Der BVBH, der nach eigener Aussage „gleichrangig die Interessen von Unternehmen, Hundebesitzern und Hunden“ vertritt, argumentiert ganz rational. „Hunde liefern einen Schutz vor der Volkskrankheit Burn-out“, heißt es dort. „Sie verbessern das Engagement, die Motivation, die Loyalität, die Kreativität und das allgemeine Wohlbefinden der Mitarbeiter.“ Wissenschaftlich zurückzuführen sei das auf das Glückshormon Oxytocin, das ausströme, sobald ein Hund in der Nähe sei.   „Für uns gehören die Hunde zur Unternehmensphilosophie dazu“, sagt Ares’ Halterin Charlotte Behm, Projektmanagerin im Marketing. „Durch sie gibt es hier ein Gefühl der Zusammengehörigkeit.“ Dass die Philosophie ernst genommen wird, beweist ein Rundgang durch das Haus. Auf insgesamt fünf Hunde trifft man hier. Ab und zu sind noch ein paar mehr da – in Teilzeit sozusagen.   Was, wenn es zu einem Zwischenfall kommt? Kurz: Hunde lieferten dem Unternehmen einen strategischen Vorteil. Tatsächlich kommt eine Studie der Universität Göttingen zu dem Ergebnis, dass die deutsche Wirtschaft dank der Hunde zwei Milliarden Euro spart. Ein Grund sei, dass Haustierbesitzer im Durchschnitt sieben Prozent weniger Fehltage hätten. „Langfristig führt ein Bürohund zu einer deutlichen Ertragssteigerung für das Unternehmen“, sagt BVBH-Chef Beyer.   Bei BFB soll sich kein Mitarbeiter aufgrund der Tiere eingeschränkt fühlen. Deshalb bleiben die Hunde meist in den Büros ihrer Besitzer, gefressen wird nur zu Hause. Wenn es doch mal etwas gibt, dann geruchsneutrales Futter.   Doch was, wenn doch etwas passiert? Dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) zufolge gibt es etwa 140.000 durch Hunde verursachte Schadensfälle pro Jahr – es ist also ratsam, eine Hundehaftpflichtversicherung abzuschließen, ehe das Tier mit auf die Arbeit kommt.   In einigen Bundesländern ist dies sowieso schon Pflicht. Im Zweifelsfall kommt es jedoch auf die konkrete Tätigkeit zum Zeitpunkt des Unfalls an. Ist der Beschäftigte seiner „normalen, betriebsdienlichen Verrichtung“ nachgegangen, greift die gesetzliche Unfallversicherung, sagt der BVBH. Sie zahlt etwa, wenn der Mitarbeiter auf dem Weg zum Kopierer gebissen wird. Bei allen „privat motivierten“ Handlungen, wie spielen oder Gassi gehen, greift die private Hundehalterhaftpflicht.   So sehr BFB die Tiere im Büro auch gutheißt – längst nicht allen gefällt das. „Ich finde das unmöglich“, schimpft eine Beschäftigte. Sie gehört nicht zu der Agentur, aber ihr Büro befindet sich auf derselben Etage. „Das hier ist ein Arbeitsplatz – und kein Hundehotel.“   Quelle: welt.de